26.11.2019 Zukunft zum Anfassen: Industrie 4.0 meets Lernfabrik
Staatssekretärin Katrin Schütz des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau übergibt David Schneider, Geschäftsführer der Lernfabrik 4.0 Schwäbisch Hall die Auszeichnung "100 Orte für Industrie 4.0 in Baden-Württemberg", Das Foto ist von Martin Storz
Staatssekretärin Katrin Schütz des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau übergibt David Schneider, Geschäftsführer der Lernfabrik 4.0 Schwäbisch Hall die Auszeichnung "100 Orte für Industrie 4.0 in Baden-Württemberg", Foto: Martin Storz
Steinbeis und der Landkreis Schwäbisch Hall setzen Weiterbildungskonzept erfolgreich vor Ort um

Der Wandel, den die Industrie 4.0 mit sich bringt, stellt ganz neue Anforderungen an Mitarbeiter und Unternehmen. Aber wie macht man Auszubildende, Mitarbeiter und Führungskräfte fit für eine Arbeitswelt, die erst im Entstehen ist? Eine Antwort darauf gibt das Steinbeis-Transferzentrum Lernfabrik 4.0 Landkreis Schwäbisch Hall: Der 2016 gegründete Zusammenschluss der vier beruflichen Schulen in Crailsheim und Schwäbisch Hall sowie einer Reihe von innovativen Unternehmen hat aktuell an zwei Standorten eine hochvernetzte und teils virtuelle Maschinen- und Anlagenproduktion im Einsatz. 

Das Konzept der Lernfabrik bereitet Fach- und Nachwuchskräfte auf die Anforderungen und Arbeitsbedingungen der Industrie 4.0 vor: Schulungen und Weiterbildungen führen die Teilnehmer an die Bedienung von Anlagen auf Basis realer Industriestandards heran. Der Umgang mit vernetzten, hochmodernen Maschinen wird geübt und sämtliche Arbeitsschritte im Kontext des übergeordneten Wertschöpfungsprozesses kennengelernt – von der Auftragsanfrage über die Konstruktion bis hin zur Auslieferung des Produktes. So vermittelt die Lernfabrik ein ganzheitliches Verständnis für digital vernetzte Produktionsprozesse, und das in einer praxisnahen Lernumgebung. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen bekommen damit Anregungen für den eigenen Umgang mit und zur Etablierung von Industrie 4.0.

STANDORT SCHWÄBISCH HALL: BLECHBEARBEITUNG

Am Standort Schwäbisch Hall stehen eine Laser-Schneide-Anlage, eine Biegemaschine und eine Messmaschine zur Anfertigung unterschiedlicher Blechteile. Die webbasierte Informationsplattform ermöglicht den autorisierten Anwendern ein schnelleres und wirtschaftlicheres Arbeiten durch den einfachen Zugriff auf alle Prozessdaten. So erhalten Konstrukteure, Einkäufer, Verkäufer oder auch Kunden alle notwendigen Informationen auf allen ihren Endgeräten. Der Datenaustausch-Standard OPC-Unified Architecture ermöglicht einen sicheren und zuverlässigen, übergreifenden Datenaustausch zwischen Maschinen (oder Produkten) unterschiedlicher Hersteller.

STANDORT CRAILSHEIM: ABFÃœLLSYSTEM

Am Standort Crailsheim befindet sich eine Abfüllanlage. Dort werden Behälter in unterschiedlichen Größen für das Abfüllsystem benötigt, die in Schwäbisch Hall entworfen und produziert werden. Die gesamte Anlage in Crailsheim ist virtualisiert. In der Praxis wird das virtuelle Modell vor der Anlage erzeugt, somit können die Durchlaufzeiten der Abfüllanlage reduziert werden. Zudem kann die Anlage über eine Virtual-Reality-Brille betrachtet werden, so können unter anderem Teile im Unterbau gesehen und analysiert werden. Der gesamte Produktionsprozess wird dargestellt: von der Herstellung der Behälter mithilfe des 3D-Drucks über die unterschiedliche Füllung bis hin zur Verpackung.

Die beiden Lernfabriken in Crailsheim und Schwäbisch Hall sind per Netzwerk verbunden. So entsteht ein virtuelles Wertschöpfungsnetzwerk, das die reale Situation in der vernetzten Wirtschaft der Industrie 4.0 widerspiegelt und die Standorte im Landkreis eng miteinander verknüpft. Das Konzept der Lernfabrik besteht aus den drei Säulen Education-Fab, Competence-Fab und Demo-Fab.

EDUCATION-FAB

Mit Hilfe der Education-Fab lernen Schü­ler schon frühzeitig mit neuen Anforderungen und sich verändernden Wertschöpfungsketten durch Industrie 4.0 umzugehen. Das virtuelle Wertschöpfungsnetzwerk spiegelt die reale Situation in der vernetzten Wirtschaft der Industrie 4.0 wider. Ziel ist es, einen Benchmark der Ausbildung im Bereich der Blechfertigung zu erreichen. Die Fachkräfte von morgen können sich in virtuellen Unternehmen im Umgang mit vernetzten, hochmodernen Maschinen üben und lernen sämtliche Arbeitsschritte im Kontext des übergeordneten Wertschöpfungsprozesses kennen – von der Auftragsanfrage über die Konstruktion bis hin zur Auslieferung des Produktes an den Kunden. Die Projektarbeiten in den interdisziplinär und ausbildungsunabhängig zusammengesetzten Gruppen werden einmal pro Schuljahr durchgeführt und jahrgangsübergreifend organisiert, so dass erfahrene Schüler mit weniger erfahrenen zusammenarbeiten und ihr Wissen weitergeben können.

COMPETENCE-FAB

Um Fach- und Nachwuchskräfte auf die Anforderungen von Industrie 4.0 vorzubereiten, sollen künftig im Rahmen der Competence-Fab Kurse angeboten werden, in denen in kleinen interdisziplinären Teams gearbeitet wird. Ein konkretes Weiterbildungsangebot ist derzeit in Planung und soll verschiedene Themen rund um das Arbeiten 4.0 beinhalten, außerdem sind Workshops und Vorträge angedacht. Ein Start war zuletzt schon ein zukunftsweisender Workshop zum Thema „Willkommen in der digitalen Welt – Zukunft braucht mehr Realitätsverständnis“.

DEMO-FAB

Mit der Demo-Fab können Führungskräfte und Unternehmer das Ökosystem der Lernfabrik inklusive der vernetzten externen Center zur Visionsbildung und Evaluation von Geschäftsmodellen nutzen. Dabei stehen Experten der Demo-Fab aus unterschiedlichen Disziplinen als Ansprechpartner zur Verfügung. In interdisziplinären Workshops besteht die Möglichkeit Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle (weiter) zu entwickeln. Die dabei erarbeiteten neuen Handlungsansätze können anschließend direkt in der Lernfabrik 4.0 getestet und Migrationspfade entwickelt werden. Die Lernfabrik 4.0 wird so zum Testlabor für Handwerksbetriebe und KMU, mit dem sie adäquat Strategien für die Umsetzung von Industrie 4.0 für sich entwickeln und evaluieren können.

Die Besonderheit der Lernfabrik im Landkreis Schwäbisch Hall ist, dass kein fertiges Baukastensystem eingekauft wurde. Stattdessen ist gemeinsam mit überwiegend lokalen Firmen eine individuelle Lernfabrik entstanden. Dabei sind sowohl die gewerblichen als auch die kaufmännischen Schulen involviert und arbeiten eng zusammen. Und das Konzept hat überzeugt: Im Juli 2019 wurde das Steinbeis-Transferzentrum Lern­fabrik 4.0 mit seinen Standorten in Schwä­­bisch Hall und Crailsheim durch Wirtschaftsstaatssekretärin Katrin Schütz als Preisträger des Wettbewerbs „100 Orte für Industrie 4.0 in Baden-Württemberg“ in Stuttgart ausgezeichnet.